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Begabungen finden und fördern


Die Jahre 1960 - 2010 aus der Sicht des Verfassers

Zwischen 1960 und 2010 hat sich die Idee der Begabtenförderung weltweit
besonders dynamisch entwickelt und durchgesetzt.

Der Beginn einer systematischen Begabtenförderung in der DDR
1960 wurden in der DDR Schüler/innen in Musik und Sport schon intensiv gefördert, von den allgemein-
geistigen Begabungen die im Fach Russisch (Unterricht ab Klasse 3). Die Initialzündung für eine Förderung
mathematisch begabter Schüler war 1961 die 1."Olympiade Junger Mathematiker" (OJM). Zusammen mit
dem "Mathematikbeschluss" (1962) bewirkte dieser Wettbewerb mittelfristig eine flächendeckende außer-
schulische Förderung begabter Schüler auf dem Gebiet der Mathematik ( und z.T. auch in den
Naturwissenschaften). Im 'Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem' vom 25.02.1965
wurde erstmalig die Förderung von begabten Schülern als wichtig fixiert (in §6 Abs.2).
Mitte der 60-er Jahre entstanden die ersten Spezialklassen bzw. -schulen in Berlin, Halle (insbesondere
zur Vorbereitung der Schüler/innen auf ein Auslandsstudium), Karl-Marx-Stadt, Frankfurt/O. und
Kleinmachnow. Die mathematische Schülerzeitschrift "alpha" erschien erstmalig 1966, die "Wurzel" folgte
1967. Es entstand auch eine "Mathematische Schülerbücherei".
In dieser Zeit wurden an vielen Schulen, in Pionierhäusern und durch die BKAT Klubs für begabte Schüler
(vor allem in den Fächern Mathematik und Russisch) gebildet.
Der Verfasser war ab 1961 an dieser Entwicklung aktiv beteiligt:
- mit der Förderung von Schülern in Zirkeln, insbesondere auf Bezirksebene erst in Cottbus, ab 1965 in
Potsdam (mit der Unterstützung von Kollegen der PH Potsdam),
- ab der 2. OJM als Korrektor, ab der 3. OJM bis zur 4.Stufe, später auch als Koordinator,
- ab 1968 in der Zentralen Aufgabenkommission der OJM,
- in den 80-er Jahren erschienen von ihm (mit jeweils einem weiteren Autor zusammen) drei Titel
in der "Mathematischen Schülerbücherei".
Der Verfasser wurde ab Ende der 60-er Jahre auch durch seine Familie stimuliert: seine Frau war halbtags
in der Begabtenförderung tätig, die Söhne (Jahrgang 61 und 66) erwiesen sich frühzeitig als hochbegabt.
Zusammenfassend kann man diese Maßnahmen und Aktionen als den Beginn einer systematischen
Begabtenförderung bezeichnen. Damit gehörte die DDR neben anderen sozialistischen Ländern
(in der SU z.B. wurde 1963 die berühmte Internatsschule in Novosibirsk gegründet)
zu den ersten in der Welt, die Begabte im Schulalter systematisch förderte.
Wurzeln dieser Entwicklung waren zum einen der politische Wille ( "ganz oben" ) mit einer leistungsstarken
Jugend auch auf wissenschaftlichem (also nicht nur sportlichem) Gebiet zu internationalem Ansehen zu
gelangen und zum anderen das Potential an befähigten Lehrkräften, die sich mit großer Begeisterung und
ohne pekuniären Forderungen der neuen Aufgabe widmeten. Es ist anzunehme, dass die erste "Internatio-
nale Mathematik-Olympiade" (IMO) die Politiker der DDR veranlasste, zu versuchen die Jugend
mit solch einem Wettbewerb für die Wissenschaften zu begeistern. 1967 fand in Warschau die erste
"Internationale Physik-Olympiade" und 1968 in Prag die 1. "Internationale Chemie-Olympiade" statt.
Der Verfasser war ab 1966 an der Vorbereitung der Mannschaft der DDR auf die IMO beteiligt, 1974
in der DDR und 1975 in Bulgarien nahm er als stellvertretender Delegationsleiter an der IMO teil.
Die 1. Weltkonferenz 1975 und die Folgen
Weltweit wurde Begabungsförderung und -forschung erst 1975 durch die 1.Weltkonferenz des "World
Council for Gifted Children" in London initiiert. So begann auch in der BRD Ende der 70-er Jahre eine
nennenswerte Arbeit: 1977 Gründung der CJD Schule Braunschweig, 1978 der DGhK, 1977 nahm
die BRD erstmals an der IMO teil ( der BWM existierte seit 70/71). 1985 wurde der Verein "Bildung und
Begabung" gegründet, der bis heute das Zentrum für die Ausschreibung von Schülerwettbewerben in
verschiedenen Disziplinen ist und mit Schüler- und Junior- Akademien Begegnungen der begabten
Schüler/innen verschiedener Interessengebieten organisiert.
Diese 1.Weltkonferenz wurde in der DDR nicht popularisiert. Man darf aber annehmen, dass diese Konferenz
im ZK der SED durchaus beachtet wurde. Auf jeden Fall wurde der Begabtenförderung 1981 auf dem X.PT
der SED und 1982 in der Zentralen Direktorenkonferenz hoher Stellenwert zugeordnet. Jetzt hieß die
Losung "Kein Talent darf uns verloren gehen." Damit erhielt die Begabtenförderung in der DDR eine breite
Anerkennung und wurde populär. Die bisherigen Fortschritte waren den Praktikern, also den "Machern" zu
verdanken. Theorie interessierte bis dato kaum, jetzt wurde aber auch Begabungsforschung befördert.
In der DDR stützte die sich aber nicht auf die Arbeiten aus den USA (z.B. J.S.Renzulli) sondern auf die
sowjetischer Autoren, Zentren in der DDR waren z.B. das ZIJ Leipzig und der Lehrstuhl von F. Klix (HUB).
Der Verfasser begann unter dem Aspekt "theoria cum praxi" mit der Arbeit an einer Promotion B, die er
1987 unter dem Titel "Der mathematisch begabte Schüler und seine Förderung in der außerunter-
richtlichen Tätigkeit in der DDR" verteidigte (1992 als Habilitation anerkannt).
Ab 1990 unter den Bedingungen der Marktwirtschaft
Trotz der turbulenten Ereignisse des Herbstes 1989, die nachfolgend auch im Bildungssektor zu einer
Verunsicherung führten, verlief die Begabtenförderung in der DDR während des Schuljahres 89/90 ohne
ersichtliche Einschränkungen. Die ersten Begegnungen mit den Fachleuten der BRD waren durchaus
herzlich. An der repräsentativen Tagung "Begabungsforschung und Begabungsförderung in Deutschland
1980 -1990 - 2000" in Bad Godesberg nahmen unter den 120 Experten auch 15 aus der DDR teil. Das
in der DDR Geschaffene wurde gelobt, sogar bestaunt. Gleichzeitig wurde bezweifelt, ob dieses künftig
finanzierbar sei. Die folgenden Jahre zeigten, wie stark die Begabtenförderung in Ostdeutschland
verankert ist. Ausdruck dieser Stärke war der Widerstand gegen die massive Abwicklung.
Am 5. Juli 1990 wurde der "Brandenburgische Landesverein zur Förderung mathematisch -
naturwissenschaftlich - technisch interessierter Schüler e.V." (BLiS e.V.) als einer der allerersten
derartigen Vereine in den NBL in Potsdam gegründet. Weitere Vereinsgründungen folgten, u.a.
1994 die des Mathematikolympiadevereins (MO e.V.). Verhandlungsrunden auf Bundesebene
bemühten sich um den Erhalt der Wettbewerbe, z.B. den der OJM (als MO) neben dem BWM. Die Spezial-
schulen der DDR mussten z.T. hart um ihren weiteren Bestand kämpfen. In Brandenburg waren von
denen mathematisch-naturwissenschaftlich-technischer Art die in Cottbus und Frankfurt/O. erfolgreich.
Der Verfasser war an den o.g. Aktionen wesentlich beteiligt, im BLiS e.V. war er der erste Vorsitzende.
Vom "Zusammenwachsen" zur Normalität
Unmittelbar nach 1990 war das gegenseitige Interesse groß. Es gab die Begegnungen zwischen Schulen,
die Einladungen zu Tagungen (etwa der MNU), die Kontakte zwischen Vereinen (etwa zwischen BLiS und
DGhK Berlin). 1991 nahm in Schweden erstmals eine "gesamtdeutsche" Mannschaft an der IMO teil.
Mit der Gründung des "Arbeitskreises Begabungsforschung und Begabungsförderung" (ABB e.V.) wurde
ein deutliches Signal gesetzt, dass Begabtenförderung selbstverständlich eine "gesamtdeutsche" Aufgabe
ist. Die Fördermaßnahmen sind in allen Bundesländern ähnlich, der Umfang und die Intensität hängt
davon ab, was das Land bezahlen kann bzw. welche Sponsoren man findet. Die Schüler nutzen alle
Wettbewerbe, die von "Bildung und Begabung" e.V. oder in ihren Bundesländern oder von Vereinen
ausgeschrieben werden. Die Mathematikwettbewerbe Känguru, BWM und MO werden in allen
Bundesländern wahrgenommen.
Der Verfasser hat an vielen der oben genannten Tagungen aktiv mitgewirkt, ist (Gründungs)mitglied
des ABB e.V. und Korrektor der Wettbewerbe BWM und MO. Insbesondere durch die Mitgliedschaft im
ABB e.V. erweiterten sich Interesse und Erfahrungen über den mathematischen Bereich hinaus.
„Augenblicklich erleben wir europaweit eine Hochkonjunktur hinsichtlich Begabtenförderung“ schätzte
2001 Prof. Mönks (damals Präsident der ECHA) die damalige Situation ein. Es hatte aber zu diesem
Zeitpunkt die einleitend genannte Dynamik wohl schon an Energie verloren. Wenn wir gegenwärtig
quantitative Zuwächse registrieren, dann vor allem in den Ländern, in denen sich das Bildungssystem
gegenwärtig generell verbessert. (Z.B. nahmen 2009 bei der 50. IMO in Bremen erstmals mehr als 100
Ländermannschaften teil.) In den hochindustrialisierten Ländern würde sich nur dann ein bedeutsamer
neuer Schub ergeben, wenn die Begabtenförderung Eingang in die allgemein bildende Schule finden
würde - "but school changes slower then church", sagt der Engländer. >Hilfen.

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